100 Meisterwerke. Heute: “Schlichtheit”
Dieses meisterhafte Arrangement, betörend in der blass-eleganten Schönheit schlichter, stadtwerkesquer Farbkomposition und aufrüttelnd in der Eindringlichkeit orangefarbener Warnung, hinterlässt es den Betrachter dennoch fragend und zugleich aufgewühlt. Die Lackschicht des 96er VW Polo, die den Widerstand gegen die täglich von ihr zehrenden Sonnenstrahlen längst aufgegeben hat und mithin ein wundersames Spiel der fahlen Farbnuancen nur unter moosbedeckten Stellen, wie verschämt zu verbergen sucht, scheint dem Betrachter wie ein Hilferuf einer - in derselben Sonne - lange verblassten Parkerlaubnis für die zweite Reihe, die einst, gleich dem ehernen Aspis des griechischen Hoplit der Phalanx phantasievoll Parkender vor den Giftpfeilen der gelangweilten Politesse Zuflucht bot. Nur vom Schicksal des blauen Fiesta noch tiefer bewegt, hält der Beobachter inne und schämt sich ob seines Begehrens unverstellter Rettungswege. In hastiger Eile eines Erstsemesters auf dem Weg zum sozialpädagogischen Früh-Seminar zurückgelassen, gleicht er einem verschreckten Rehpinscher, ausgesetzt auf der Damentoilette der Autobahntankstelle Westerlange an der Ausfahrt Northeim-Nord. Getrieben vom Zeitdruck eines unerbittlichen Bachelor Curriculums, das im eurobürokratischen Elfenbeinturm vom einst blühenden Magisterstudium übrig blieb, und schwer gezeichnet von einer entbehrungsreichen Nacht, die allein der Fertigstellung der von wissenschaftlichen Mitarbeitern des Lehrstuhls in boshafter Weise angeordneten Hausarbeit diente, wird der Wagen so zum stillen Zeugen einer verfehlten Bildungspolitik, die in der Fahrzeuganordnung in der Feuerwehrzufahrt des regionalen Rechenzentrums ihre verwelkenden Blüten treibt.